Barrierefreie PDF-Rechnungen: was das BFSG verlangt und was dompdf nicht kann
Für PDF-Dokumente gilt Kapitel 10 der EN 301 549, in der Praxis also PDF/UA. Warum Shop-Systeme mit dompdf daran scheitern, welche drei Wege bleiben und wie Sie den Aufwand klein halten.

Für PDF-Dateien gilt nicht die WCAG direkt, sondern Kapitel 10 der EN 301 549 für Nicht-Web-Dokumente, und in der Praxis heißt das PDF/UA nach ISO 14289: ein getaggtes PDF mit ausgezeichneten Überschriften, Tabellen und Listen, einem Dokumenttitel, gesetzter Sprache und definierter Lesereihenfolge. Genau das erzeugen die üblichen Shop-Systeme nicht.
Warum die Rechnung überhaupt betroffen sein kann
Das BFSG verpflichtet Anbieter bestimmter Dienstleistungen gegenüber Verbraucher:innen. Eine Rechnung, die Teil dieser Dienstleistung ist und über Ihren Shop bereitgestellt wird, gehört damit zum Leistungsumfang und nicht in eine Grauzone daneben. Gerichtlich durchentschieden ist die Frage bislang nicht, und wer etwas anderes behauptet, überdehnt die Quellenlage. Praktisch relevant ist sie trotzdem, weil die Marktüberwachungsstelle der Länder vorrangig auf Beschwerden reagiert und eine nicht lesbare Rechnung ein naheliegender Beschwerdegrund ist.
Frei bleiben Dienstleistungen von Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Bilanzsumme. Diese Grenze zuerst prüfen, bevor Sie Aufwand einplanen.
Was ein Prüftool bei PDFs tatsächlich beanstandet
| Befund | Woran es liegt | Anforderung |
|---|---|---|
| Überschriften, Tabellen und Listen nicht ausgezeichnet | Generator schreibt nur Text und Linien, keine Struktur-Tags | EN 301 549 Kap. 10, PDF/UA Tag-Baum |
| Kein Dokumenttitel | Metadaten werden nicht gesetzt | PDF/UA, entspricht WCAG 2.4.2 |
| Sprache nicht gesetzt | kein /Lang im Dokument | PDF/UA, entspricht WCAG 3.1.1 |
| Unklare Lesereihenfolge | Layout über positionierte Elemente statt Struktur | PDF/UA, entspricht WCAG 1.3.2 |
| Grafiken ohne Alternativtext | Logo und Symbole ohne /Alt | PDF/UA, entspricht WCAG 1.1.1 |
dompdf, der Standardweg in vielen PHP-Shops, erzeugt kein Tagging. wkhtmltopdf ebenfalls nicht. Das ist keine Konfigurationsfrage und lässt sich nicht per CSS oder Template nachrüsten: was der Generator nicht schreibt, steht nicht in der Datei.
Drei Wege, in dieser Reihenfolge sinnvoll
- Information zusätzlich barrierefrei bereitstellen: die Rechnungsdaten als HTML-Ansicht im Kundenkonto. Zugänglich sein muss die Information, nicht zwingend genau diese Datei. Für viele Shops ist das der schnellste tragfähige Schritt.
- Im PDF das Minimum setzen, das der vorhandene Generator hergibt: Dokumenttitel, Sprache, lineare Struktur ohne Layout-Tabellen. Damit bestehen Sie kein PDF/UA, fallen aber nicht mehr bei den einfachsten Punkten durch.
- Wenn es getaggt sein muss, an der Engine ansetzen: ein Renderer, der PDF/UA erzeugt, oder ein Nachbearbeitungsschritt in der Pipeline. Das ist ein eigenes Projekt mit Test- und Abnahmeaufwand, kein Template-Fix.
Prüfen, ohne sich selbst zu täuschen
Automatisierte Prüfungen erfassen bei Dokumenten wie im Web nur einen Teil der Kriterien. In unserer eigenen Erhebung von 520 EU-Online-Shops erfüllten 92 Prozent die WCAG 2.1 AA nicht, häufigster Einzelbefund war zu geringer Kontrast mit 72 Prozent; die Methode dort war eine automatisierte Prüfung mit axe-core, die nach gängigem Konsens nur 30 bis 40 Prozent der nötigen Prüfschritte abdeckt. Ein grüner Automatik-Report ist deshalb bei PDFs besonders wenig wert. Entscheidend sind Tag-Baum und Lesereihenfolge, und die muss ein Mensch ansehen.
- Tag-Baum öffnen und prüfen, ob Überschriften, Tabellen und Listen als solche existieren.
- Vorlesen lassen und der Reihenfolge folgen: kommt die Summe nach den Positionen oder irgendwo dazwischen?
- Dokumenttitel und Sprache in den Eigenschaften kontrollieren.
- Datei markieren und Text kopieren: kommt zusammenhängender Text heraus oder Bruchstücke?
Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung, keine Zertifizierung und keine Konformitätsgarantie. Er beschreibt einen strukturierten Prüf- und Dokumentationsansatz.
FAQ
Muss eine Rechnung als PDF barrierefrei sein?
Wenn die Rechnung Teil einer Dienstleistung gegenüber Verbraucher:innen ist, gehört sie zum Leistungsumfang und die Anforderungen aus Kapitel 10 der EN 301 549 greifen. Gerichtlich abschließend geklärt ist die Frage bislang nicht. Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und höchstens 2 Millionen Euro Umsatz sind bei Dienstleistungen ausgenommen.
Welche Norm gilt für PDF, WCAG oder PDF/UA?
Für Nicht-Web-Dokumente verweist Kapitel 10 der EN 301 549 auf die Anforderungen, die in der Praxis über PDF/UA nach ISO 14289 erfüllt werden. Die WCAG-Erfolgskriterien gelten sinngemäß, etwa Dokumenttitel, Sprache, Struktur und Alternativtexte.
Kann dompdf barrierefreie PDFs erzeugen?
Nein. dompdf erzeugt kein Tagging, ebenso wenig wkhtmltopdf. Ohne Tag-Baum fehlen Struktur und Lesereihenfolge, und das lässt sich nachträglich nicht per CSS ergänzen.
Reicht es, die Rechnung zusätzlich als HTML anzubieten?
Für viele Shops ist das der pragmatischste erste Schritt, weil die Information zugänglich sein muss und nicht zwingend genau die PDF-Datei. Es ersetzt kein PDF/UA, wenn ausdrücklich ein barrierefreies Dokument verlangt wird.
Wie prüfe ich ein Rechnungs-PDF selbst?
Tag-Baum ansehen, vorlesen lassen und der Reihenfolge folgen, Dokumenttitel und Sprache in den Eigenschaften kontrollieren, Text kopieren und auf Bruchstücke prüfen. Automatische Prüfungen allein reichen nicht, sie decken nur 30 bis 40 Prozent der Kriterien ab.